„Vielleicht sind jene Monate, die uns bleiben, wichtiger als all die Jahre, die wir bis jetzt gelebt haben, und sie sollten auf gute Weise gelebt werden.“
Als Lew Tolstoj seiner Frau Sofja diese Zeilen schreibt, ist der Graben zwischen ihnen bereits unüberbrückbar. Die innere Zerrissenheit Tolstojs steigert sich so sehr, dass er nur einen Ausweg sieht: die Flucht von seinem Familiengut Jasnaja Poljana. Dieses stürmische letzte Lebensjahr eines der größten Schriftsteller der Welt wird in der Lesung „Ein russischer Sommer“, die im Tolstoj-Jahr 2010 am 15. Januar bei der Deutschen Grammophon Literatur erscheint, in hervorragender sechsfacher Besetzung erzählt.
Das Hörbuch basiert auf dem Roman „Tolstojs letztes Jahr“, den der amerikanische Autor und Universitätsprofessor Jay Parini im Jahr 1990 veröffentlicht hat. In einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion wird das Geschehen um den 82-jährigen Lew Tolstoj gleichsam erdichtet und biografisch dargestellt; denn der letzte Lebensabschnitt des russischen Nationaldichters steht fiktiver Literatur an Spannung, Konflikten und dem Kampf um Ideale in nichts nach. Aus sechs Perspektiven wird dargestellt, wie das Zerwürfnis mit seiner Ehefrau Sofja, der an ihm zerrende Ruhm und die Auseinandersetzungen um sein radikalisiertes, religiöses und gesellschaftliches Verständnis Tolstoj immer mehr verstört. Er entschließt sich, sein gewohntes Leben als adliger Gutsherr für immer zu verlassen und fortan seine christlichen und sozialen Ideale zu verbreiten und umzusetzen.
Jay Parinis Herangehensweise an diesen Stoff ist dabei die bestmögliche, um der Komplexität des Geschehens gerecht zu werden: Tolstoj und verschiedene Akteure um ihn herum erzählen ihre Sicht, ihre Wünsche, Ängste und Verzweiflungen. So entsteht aus einem Kaleidoskop der individuellen Wahrnehmungen und Empfindungen ein Gesamtbild, aus dem nicht nur Tolstoj, sondern vor allem auch seine Frau Sofja in ihren Entscheidungen zutiefst menschlich und verständlich erscheinen. Der nie wertende Umgang Parinis mit den Menschen um Tolstoj ist Ausdruck seiner Professionalität: Als promovierter Dozent für Englische Literatur und Sprache gelingt es ihm, literaturgeschichtliche Fakten mit der fiktiven Darstellung des Innersten eines jeden Auftretenden gekonnt zu verknüpfen. Parini ging seinem Faible für biografische Stoffe bereits in Werken über Faulkner, Steinbeck und Frost nach. Die Erzählung um Lew Tolstojs Suche nach Erlösung und Sofjas steigende Verzweiflung bildet in diesem Zusammenhang einen Höhepunkt seines Schaffens.